new environments of mobility

Mobilität benötigt persönliche Dienstleistungen

Ilse und Richard Straub

Richard Straub: Präsident, Peter Drucker Society Europe and Austria; Gründer, Global Peter Drucker Forum
Ilse Straub: Director of Operations, Peter Drucker Society Europe, Global Peter Drucker Forum

www.druckerforum.org

 

Wie seid ihr heute nach Hause gekommen ?
IS/RS:
Zu Fuss.

Gibt es für das Unterwegssein Anforderungen über die, aus Eurer Sicht, eine Übereinstimmung besteht?
RS:
Neben der Internet Infrastruktur, würde ich meinen, dass Screens mit Information essentiell sind. Darüberhinaus kann man sich
grundsätzlich über das Thema der Bespielung dieser Screens Gedanken machen – wieviel Werbung will man? Was soll den Menschen an einer Station geboten werden? Eine unserer Vortragenden auf der Drucker Conference, Sherry Turkle, hat ein Buch mit dem Titel „Reclaiming
Conversation: The Power of Talk in a Digital Age“ geschrieben. Sie untersucht darin, wie unsere elektronischen Geräte, menschliche Verbindungen und Kommunikation neu definieren und wirft die Frage auf, ob wir immer mehr von Technologie und dabei immer weniger voneinander erwarten. Bildhaft gesprochen, sitzen alle Wartenden mit ihren Smartphones, gesenktem Blick und erkennen plötzlich, dass man den Blick heben kann und entdecken die Welt um sich und im Hintergrund spielt Zarathustra Musik zum Sonnenaufgang…In diesem Zusammenhang wäre auch das Video „Look Up“ von Gary Turk zu erwähnen, das sich auch mit diesem Thema beschäftigt und im Internet ein riesiger Erfolg ist. Dieses Szenario führt für mich zu der Frage, inwieweit bestimmte Raumqualitäten, -ausstatungen und -settings direkte Kommunikation fördern können.

Ein Blick in die Zukunft. Individualisierte Mobilität durch intelligente Mobilitätssteuerung ist ein Key-Thema.
RS:
Robotics, Big Data, Artificial Intelligence, Cloud Computing und das Internet der Dinge, diese technologische Revolutionen mit
menschlichen Maßstäben betrachtet, war das Thema des Drucker
Forums 2015. Ich hab auch jetzt Unterstützung, wenn ich unterwegs bin. Es gibt Apps, die ich benutze, die mir Vorschläge machen, aber ich brauche niemanden, der mir bei jedem Schritt einen Vorschlag macht.

Die Frage ist doch, wie komme ich, mit all meinen Vorlieben und Präfenzen am besten von A nach B und mit welchen Verkehrsmitteln und wie bekomme ich diese Information möglichst rasch?
RS:
Ich bin skeptisch Systemen gegenüber, die mir laufend Angebote machen, die ich nicht angefragt habe.
IS: Es gibt noch sehr viele analoge Anforderungen, die ungelöst sind – zum Beispiel würde ich mir wünschen, gleich beim Aussteigen aus der Metro, den richtigen Ausgang angezeigt zu bekommen. Das ist in Paris und in Wien wirklich ein Problem, auch auf den Bahnhöfen.
RS: Informationen, die dazu dienen den Zielort zu erreichen, sind ein grundlegendes Bedürfnis, aber das Einbauen unzähliger anderer
Applikationen lenkt ab oder dient der Geschäftemacherei. Hier ist der Rechtsstaat gefordert, und es ist mir wirklich ein Anliegen darauf hinzuweisen, dass die Rechte des einzelnen, Priorität haben. Es muss immer eine werbefreie Option geben. Ich glaube, dass die Menschen noch nicht verstanden haben, dass sie ihre ganze Identität preisgeben und verkaufen. Man wird aber in Zukunft auch akzeptieren müssen, dass die Erstellung bestimmter Angebote und Services etc. kostenpflichtig ist.

Das Fortschreiten der Digitalisierung der Mobilität entwickelt sich rapid, diese von dir soeben angesprochene Forderung nach einer
werbefreien Option, ist ein eminent politischer Auftrag.
RS:
Natürlich. Wir befinden uns inmitten einer Explosion von online Werbung auf den mobilen Geräten und Applikationen in einem
rechtsfreien Raum, der dringend geregelt gehört.

Resümierend stellt sich heraus, dass ein immer größer werdender Bereich der Mobilität über Daten zur Verfügung gestellt wird, über Daten organisiert wird und die analoge Information immer
lückenhafter wird.
RS:
Wenn man in Mitteleuropa über die Zukunft sinniert, muss man im Auge behalten, dass wir in den klassischen Ländern der alternden Bevölkerungen leben, d.h. eine­ Mehrheit von Leuten, die unterwegs sind, werden Unterstützung benötigen. Das wird nie ausschließlich über digitale Infrastrukturen lösbar sein, d.h. analoge Strukturen dürfen nicht abgebaut werden-das menschliche Maß darf nicht verloren gehen. Das wird kein Roboter leisten können, einen alten Menschen an der Station an der Hand zu nehmen.

Das heißt, dass die Menschen auch in Zukunft in diesen Warte-und Umstiegs-Situationen, Unterstützung brauchen werden und es muss eine Sicherheit geben, dass diese auch an der Station vorhanden ist.
RS:
Wir sind im Warteraum und die Frage lautet ganz simpel, wo ein Ticket gekauft werden kann, wo ein Taxi zu finden ist. Es ist ein reales Zukunfts-Szenario ist, dass immer mehr Jobs automatisiert werden und nicht schnell genug neue Jobs nachwachsen werden. Eine Automatisierung der Wissensarbeit sehe ich nicht, aber die Vorarbeiten, die für eine Entscheidung notwendig sind, können von intelligenten Programmen geleistet werden, wie Wissensverwaltung, Erstellung von Analysen etc. Es gibt verschieden Denk-Schulen, die unterschiedliche Annahmen für die Zukunft vertreten.

Wenn wir einen gemeinsamen Nenner finden wollen, dann wohl den, dass uns die Auswirkungen der Globalisierung , der Digitalisierung und der Roboterisierung mit voller Wucht erfasst haben und dazu kam eine immense Migrationsbewegung?
RS: Einige Wissenschaftler prognostizieren, dass durch Innovationen, schnell genug Jobs entstehen werden. Andere sind durchaus skeptisch, denn die Entwicklungen vollziehen sich rasend schnell und derzeit gibt es keine übereinstimmenden Prognosen im Hinblick auf die Entstehung neuer Jobs. Mein Ansatz ist folgender, jene Menschen, die ihre Arbeit verlieren, weil nicht schnell genug neue Jobs entstehen, könnten Arbeit im stetig wachsenden Bedarf an persönlichen Dienstleistungen, welche die westlichen Gesellschaften benötigen, finden. Unterstützung für Leute, die aus ganz unterschiedlichen Gründen, nicht mit den automatisierten, digitalen Systemen zurecht kommen, d.h. es braucht eine
immer stärkere menschliche Infrastruktur. Diese Jobs könnten sich aus jenen Arbeitsplätzen rekrutieren, die durch Automatisierung verloren gingen. Es gibt im SNCF Programme für Arbeitslose, die zu den Stoßzeiten in der Metro und RER arbeiten, das sind gestützte,
temporäre Tätigkeiten. Man müsste das aber noch viel konsequenter weiterentwickeln und umsetzen und die Menschen im Rahmen ihrer Tätigkeiten auch wirklich ausbilden.

Mir erscheint, der Hinweis auf die gleichzeitige Notwendigkeit analoger und digitaler Strukturen, die wir benötigen und gestalten müssen, sehr wesentlich.
RS:
Sie müssen sehr bewusst auch wesentlich verstärkt und ihr Zusammenspiel optimiert werden. Die Analogstrukturen darf man in keinem Fall aufgeben, das wäre ein fataler Fehler. Das Musterbeispiel ist für mich das E-Learning, als diese Entwicklung am Anfang war, ging man davon aus, dass in unmittelbarer Zukunft keine Klassenräume mehr benötigt würden, selbst Peter Drucker saß diesem Irrtum auf…Es stimmt nicht, wie wir heute wissen. Diese zusätzlichen Möglichkeiten, wenn sie denn sinnvoll eingesetzt werden, wirken ergänzend zum Vorhandenen und die analogen Strukturen bleiben bestehen – die
Universitäten sind keineswegs verschwunden, im Gegenteil. Zu Beginn hat beim E-Learning niemand verstanden, wie man die Inhalte sinnvoll konzipiert, man ging davon aus, dass man das, was bisher im Klassenraum vermittelt wurde, 1:1 im e-Learning anwenden kann, was natürlich nicht funktioniert.

Auch ein großes Thema für die Mobilität der Zukunft?
RS: Das ist die große Herausforderung und das gilt genauso für die
Mobilität. Wie kann ich heute sinnvoll digitale und analoge Strukturen neu und innovativ miteinander verknüpfen. Digitale Strukturen sind auch sehr risikoreich und volatil, gibt man die Kontrolle auf, ist man
verloren. Die Entwicklung von Technologien, die digital und anlog verbinden, ist ein sehr langsamer und komplexer Prozess.

 

 
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